A-Klassen-Spiel artet nach dem Schlusspfiff aus – Zuschauer machen Jagd auf gegnerische Spieler – Ein Fußballer wird schwer verletzt
„Ich hab’ geglaubt, die bringen ihn um.“ Heribert Hochholzer, Fußball-Abteilungsleiter der DJK Altenkirchen, war auch gestern noch schockiert über die Szenen, die sich tags zuvor auf dem Platz von Türk Gücü Dingolfing abgespielt hatten. Direkt nach der Partie zwischen den beiden A-Klassisten stürmten rund 40 Zuschauer das Spielfeld und gingen auf die Spieler der Gastmannschaft los. Hauptopfer der Randale, an denen sich auch mehrere Gücü-Spieler beteiligten, war der rechte Verteidiger der Altenkirchener. Der 22-Jährige wurde derart malträtiert, dass er einen Jochbeinbruch davontrug und zusammen mit einem ebenfalls verletzten Mitspieler ins Krankenhaus musste. Nun ermittelt die Kripo gegen die Krawallmacher – wegen gefährlicher Körperverletzung und Verdacht auf Landfriedensbruch.
„Ich bin seit 35 Jahren auf Fußballplätzen, aber so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Hochholzer. „Praktisch mit dem Schlusspfiff ist ein ganzes Rudel Zuschauer wie von der Tarantel gestochen aufs Feld gerannt. Das war eine regelrechte Hetzjagd.“ Die ohnehin hitzige Atmosphäre im Türk-Gücü-Stadion hatte sich gegen Spielende hochgeschaukelt. Kurz vor dem Abpfiff waren der Altenkirchener Verteidiger und sein Gegenspieler aneinandergeraten.
Wie Augenzeugen der PNP schilderten, habe der Gücü-Stürmer den 22-Jährigen angespuckt, der wiederum packte den anderen am Kragen – und sah dafür Gelb. Insgesamt zückte Schiedsrichter Alfred Bugl (SV Hunderdorf) im Lauf der hektischen Partie sechs gelbe und eine gelb-rote Karte, zudem pfiff er drei Elfmeter. In der 28. Minute stellte Bugl den türkischen Spielertrainer nach einem Foul vom Platz.
Trotz Unterzahl machten die Gastgeber aus einem 0:1 eine 3:2-Führung, doch in der Schlussphase drehte Altenkirchen die Partie wieder. 3:4 lautete der Endstand – die erste Saisonpleite für Türk Gücü, souveräner Spitzenreiter der A-Klasse-Dingolfing. „Vielleicht hat der Frust über die Niederlage dazu beigetragen, dass alles so ausgeartet ist“, meinte gestern ein Altenkirchener Spieler. Er war bei den Krawallen mittendrin und habe gesehen, dass „sieben bis acht Mann“ gezielt Jagd auf den 22-jährigen Verteidiger gemacht und dann auf ihn eingeschlagen hätten. Negativer Höhepunkt: Der mit Gelb-Rot bestrafte Mann von Türk Gücü habe den am Boden Liegenden „gestiefelt“, mit voller Wucht mitten ins Gesicht getreten. Der Spuk dauerte nur zwei, drei Minuten, dann hatte sich die Lage beruhigt. Doch der Abwehrspieler blieb schwer verletzt liegen, die Altenkirchener alarmierten die Polizei.
„Gerade in unteren Fußball-Ligen kommt es manchmal vor, dass die Wut hochkocht und es Gerangel am Fußballplatz gibt“, so der Straubinger Polizeisprecher Klaus Pickel. „Aber so massiv wie hier habe ich es in meiner Berufspraxis noch nicht erlebt. Ein Tritt gegen den Kopf eines Wehrlosen , das hat schon eine bedenkliche Qualität.“ Der Dingolfinger Eklat sei in etwa vergleichbar mit Großschlägereien in Discos, meint Pickel, der versichert: „Wir werden den Fall kompromisslos aufarbeiten.“
Das würde auch der Bayerische Fußballverband gerne tun, doch gestern stocherte man dort noch weitgehend im Nebel. Ob die Vorfälle Konsequenzen für Türk Gücü haben, ist noch völlig offen. „Solange wir nicht alle Fakten kennen, wollen wir niemand vorverurteilen“, sagt BFV-Bezirksvorsitzender Siegfried Urlberger. „Für uns ist jetzt der Schiedsrichter der wichtigste Mann. Wir warten erst seinen Bericht ab.“
Womöglich bringt dieser Bericht den BFV nicht viel weiter. Denn Schiri Bugl hat von der Prügelei gar
nichts mitbekommen, sagte er der PNP.
„Ich war beim Abpfiff an der Eckfahne. Von dort hat mich ein Betreuer in die Kabine gebracht.“ Zwar habe er bemerkt, dass auf der anderen Seite des Platzes Zuschauer aufs Feld liefen, dem aber keine besondere Bedeutung beigemessen. „Ich bin total erschrocken, als ich am Morgen die Zeitung gelesen habe“, so Bugl.
Auch Türk-Gücü-Vorstand Satilmis Cördük hat den gestrigen PNP-Bericht (basierend auf einer ersten Polizei-Pressemeldung am Sonntagabend) gelesen. „Danach konnte man meinen, bei uns wäre ein Krieg ausgebrochen. So schlimm war es auch wieder nicht“, beteuert er. Eine Schuld seines Vereins sieht er nicht. „Natürlich gehört Gewalt nicht auf den Fußballplatz, aber wenn unter den Zuschauern einige Hitzköpfe und Idioten sind, kann man sowas nicht verhindern.“ Cördük räumt ein, dass es nach dem Schlusspfiff ein „Chaos“ gegeben habe.
Die Tritte gegen den 22-jährigen Altenkirchener habe er nicht gesehen – ebenso wenig wie Fußball-Abteilungsleiter Tuncay Güler. Als die Randale losgingen, sei er damit beschäftigt gewesen, beruhigend auf die Altenkirchener Zuschauer einzureden, erklärt Güler. Einige hätten während des Spiels mehrfach türkenfeindliche Parolen geschrien. „So schlimm wurde ich in 90 Minuten als Ausländer noch nie beschimpft“, sagt Güler. „Aber das soll keine Entschuldigung sein.“ Gewalttaten am Fußballplatz dürften „auf keinen Fall passieren“.
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