Saarbrücken: "Es gab keine Massenschlägerei in Jena!"
Über die Gewalttätigkeiten nach dem Drittliga-Spiel Carl Zeiss Jena gegen 1. FC Saarbrücken gibt es naturgemäß sehr unterschiedliche Sichtweisen. Saarbrückens Fanprojektleiter Jörg Rodenbüsch jedenfalls besteht darauf, dass es keine Massenschlägerei gegeben hat. Im Interview mit dem MDR sagte der 44-Jährige, dass der angegriffene Gäste-Fanbus – in dem er selbst mit saß – von wesentlich mehr Jenaern attackiert worden sei als behauptet und die Polizei eigentlich eine sichere Abfahrt garantiert habe.
Jenaer Fans hatten nach dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken einen abreisenden Gäste-Fanbus angegriffen. Wieviel Anteil hatten FCS-Fans an der folgenden Massenschlägerei?
Jörg Rodenbüsch: Es gab keine Massenschlägerei! Darauf lege ich großen Wert, denn ein solches Märchen kann sehr negative Folgen haben. Jedenfalls wurde unser Bus an einer engen Stelle angegriffen, die ich schon vorher als schwierig angesehen hatte. Am Haupteingang empfingen uns mindestens 100 Leute mit Steinen, an der Stadtrodaer Straße standen noch mehr Leute. Dort war der Steinhagel noch schlimmer.
Die Polizei sprach von 80 Angreifern …
Nein, nein. Es waren viel mehr. Das war eine echte Hausnummer. Jedenfalls ging hier eine Fensterscheibe zu Bruch. Unser Busfahrer hielt an, weil er nur das Geräusch gehört hatte und nicht wusste, was passiert war. Er hatte sogar Angst, jemanden überfahren zu haben. Im Bus war helle Aufregung. Als die Tür aufging, wurde von der Polizei Reizgas hineingesprüht.
Nochmal: Jenaer haben die Scheiben des Busses eingeschlagen, und die Polizei hat daraufhin Reizgas hineingesprüht?
Ja, wobei ich mir die Motivation des Beamten ganz gut vorstellen kann. Hinter ihm geht die Tür des Busses auf – da dreht er sich um und will die Leute mit Reizgas zurückdrängen. Sinnvoll war es natürlich trotzdem nicht.
Die Saarbrücker sind dann aus dem Bus gestürmt. Was ist dann passiert?
Im Bus hatte sich durch das Reizgas erst recht Panik breit gemacht. Einige mussten sich übergeben und hatten Erstickungsnot. Alle wollten nur noch raus aus dem Bus, egal was einen dort erwartet. Draußen hatte die Polizei aber inzwischen den Bus abgesperrt. Zu einem direkten Kontakt mit Jenaer Fans kam es nicht. Von einer Massenschlägerei kann man gleich gar nicht sprechen. Übrigens wurde einer unserer Fans mit einer Flasche getroffen. Die Diagnose lautete "Anriss des Kehlkopfes". Das hätte ganz übel ausgehen können.
Wie war eigentlich vorher die Stimmung im Stadion? Wann ist die Ihres Erachtens gekippt?
Durch den Spielverlauf war die emotionale Lage bei den Jenaer Fans entsprechend schlecht. Meines Erachtens hat sich die Mannschaft abschlachten lassen. Für die Fanseele ist das nur schwer zu ertragen. Dazu kam dann eine gewisse Gruppendynamik.
Haben Sie mit derartigen Ereignissen wie am Mittwochabend zumindest ansatzweise gerechnet?
Nein, ich bin schon fast 20 Jahre in dem Geschäft und war schon einige Male in Jena. Bislang waren die Spiele eher von einer gewissen Herzlichkeit geprägt. Aber dass die Abreise schwierig werden könnte, war schon vor dem Spiel klar. Deswegen wurde das extra geklärt: Die Abreise sollte erst erfolgen, wenn der Weg frei und sicher ist, also wenn keine Jenaer Fans mehr da sind.
Saarbrücker Fans haben aber im Spiel, als es quasi entschieden war, mit Sprechchören provoziert …
Keine Frage, aber das war wechselseitig. Selbst die Flaschen- und Steinwürfe – da wurden ja drei Jenaer Fans festgenommen – hielten sich im Rahmen. Dass die Situation so eskalieren würde, war da nicht abzusehen.
Wer ist Ihrer Meinung nach für das Ganze verantwortlich? Der FC Carl Zeiss Jena oder die Polizei?
Das ist schwer zu beurteilen. Ich weiß nicht, wer für den Streckenabschnitt wie verantwortlich ist. Aber der Einsatzleiter der Polizei hat mir eindeutig erklärt, dass die Abreise abgesichert wird. Das ist definitiv nicht geschehen. Als der Steinhagel begann, habe ich drei oder vier Polizisten gesehen.
Wann machen Sie einen Haken hinter den Vorkommnissen?
Erstmal nicht, denn diese Falschmeldungen mit der Massenschlägerei haben ihre Folgen. Am kommenden Freitag fahren wir schließlich zu Dynamo Dresden. Für deren Fans gelten wir jetzt als Prügelknaben. Und die Polizisten dort erwarten jetzt Gästefans, die angeblich jederzeit gewaltbereit sind und auf jede Provokation mit Gewalt regieren. Dadurch werden wir nun erst recht als "Gefahrengut" behandelt. Die Gefahr einer Eskalation bei brenzligen Szenen ist dadurch noch größer geworden. Diese Art von Mär- und Legendenbildung ist sehr gefährlich.
http://www.mdr.de/sport/fussba…..73266.html