Die Stadt im Ausnahmezustand
Fußball-Fans stürmten den Rheindamm, lieferten sich eine Auseinandersetzung mit der Polizei und legten später den Bahnverkehr lahm. Die Auswirkungen bekamen die Besucher der Rathaus-Galerie zu spüren.
So war die Aufforderung, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Spiel zu kommen, wohl nicht gemeint gewesen: Statt per Bus oder Bahn reisten Kölner Fans am Samstag per Schiff nach Leverkusen. Doch ihr Plan, ohne Polizeibegleitung von der Wacht am Rhein zum Stadion zu gelangen, misslang: Als das mit 500 Personen beladene Schiff gut zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn in Wiesdorf anlegte, wurden die Fans schon von Polizisten, ausgerüstet mit Schutzhelmen, Schlagstöcken und Reizgas, erwartet.
Die Polizei wollte die Fans in zwei Gruppen aufgeteilt über die Neulandbrücke Richtung Stadion eskortieren. Doch die Kölner spielten nicht mit. Unvermittelt stürmte ein Pulk aus hunderten Fans vom Rheinufer aus den Damm hinauf. Die Polizisten hatte ihre Not, die Kölner in Schach zu halten und setzten Reizgas und Hunde gegen sie ein.
Einigen Fans gelang es, sich ihren Weg durch die Stadt zu bahnen. In den Straßen rund um den Neulandpark stießen sie Tonnen um und warfen Müllsäcke auf die Fahrbahn. Den Großteil der Fans konnten die Polizisten jedoch geschlossen zum Stadion lenken. Schmährufe gegen Leverkusen brüllend wanderten die Kölner am Ufer der Dhünn entlang.
Auch die Rathaus-Galerie hatte sich auf unerwarteten Besuch eingestellt und Sicherheitsleute postiert. Nach Angaben der Polizei blieben pöbelnde Fans aber fern. Während Polizeihubschrauber über der Stadt kreisten und Sirenen von Einsatzwagen beständig heulten, befriedigten die Besucher im Einkaufszentrum ihre Kauf- oder Schaulust. Geschäfte, Gänge und Rolltreppen quollen über vor Menschen. Und obwohl wegen des Derbys die 1000 Stellflächen an der Stelzenbrücke nicht zur Verfügung standen, fanden mit dem Auto Angereiste in den Parkhäusern einen Platz. „Ohne Probleme“, wie Michael Hilgert sagte, der mit seiner Familie aus Odenthal gekommen war. Brigitte Erdmann und Herbert Bäsler aus Köln dagegen hatten ihren Wagen eigens in Höhenhaus stehen lassen und waren mit der S-Bahn nach Leverkusen gefahren. „Hier kaufe ich lieber ein als in Köln, weil es ruhiger ist“, sagte Erdmann. Die Menschenmassen in der Rathaus-Galerie waren beiden am Samstag aber zu viel. Nach einer halben Stunde verließen sie den Einkaufstempel wieder. Pech für die beiden: Die Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln war nicht so unkompliziert wie der Hinweg nach Leverkusen. Fans des 1. FC Köln belagerten am Bahnhof die Gleise. Zumindest einer von ihnen wurde dabei laut Augenzeugen verletzt. Die Polizei sperrte den Bahnverkehr für etwa eine halbe Stunde.
Geduld haben musste auch einige Kölner Fans, die kurz vor Spielbeginn an der Wacht am Rhein noch auf Taxis warteten. Weil sich gegen 18 Uhr viele Besucher wohl in der Rathaus-Galerie sattgesehen hatten, staute sich auf der Rheinallee der Verkehr. Aus der Innenstadt in Richtung Autobahn ging es nur noch im Schneckentempo voran. Ob man mit Bus, Bahn oder Auto angereist war, spielte am Samstag also keine Rolle. Dass Leverkusen im Ausnahmezustand war, war in jedem Fall zu spüren.
Die Bilanz der Polizei nach dem Spiel: 72 Personen wurden in Gewahrsam genommen, 58 erhielten Platzverweise und wurden von der Polizei zurück nach Köln gebracht. 31 Fans bekommen eine Strafanzeigen wegen Landfriedensbruchs, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung oder Verstößen gegen das Waffengesetz. Bei den Auseinandersetzungen wurde ein Polizist schwer und einer leicht verletzt. Ein Kölner Fan erlitt Verletzungen durch den Biss eines Polizeihundes. Ein Leverkusener Spieler wurde mit Feuerwerkskörpern beworfen.