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Fußballfans vereint gegen Datei "Gewalttäter Sport"

BenutzerBeitrag

19:09
17. Juli 2009


admin

Admin

Beiträge 6348

Auf den Tribünen sind sie manchmal die ärgsten Feinde. Aber an diesem Wochenende ziehen sie alle an einem Strang. Fußballfans aus 29 Ländern treffen sich unter dem Motto "We are the Game" in Hamburg. Ein Thema bringt sie besonders auf die Barrikaden: die Datei "Gewalttäter Sport".

"Man hat das Gefühl, dass man seine Bürgerrechte abgibt, wenn man sich ein Ticket für den Sonderzug zum Auswärtsspiel kauft." Wilko Zicht hat schon viel erlebt, wenn er für seinen Verein Werder Bremen quer durch Deutschland gereist ist.

Er findet es schlimm, wenn die Polizei Fans direkt am Sonderzug abholt, kontrolliert, in Busse verfrachtet und ohne Umwege direkt am Gästeblock des Stadions abliefert. Die Polizei will damit von vornherein verhindern, dass gewaltbereite Fans der gegnerischen Mannschaften aufeinander treffen.

Eingekesselt am Bahnhof

Was sie damit erreicht ist aber auch: Friedliche Fußballfreunde stehen eingekesselt am Bahnhof, können nicht auf die Toilette gehen oder sich etwas zu trinken kaufen. Fängt einer an zu pöbeln oder wird gar richtig aggressiv, nimmt die Polizei die Personalien auf. Und wehe dem, der zufällig in der Nähe ist und auch seine Personalien angeben muss: Die Informationen landen in der Datei "Gewalttäter Sport", einer bundesweiten Datenbank der Polizeidienststellen.

Die Betroffenen wissen häufig nichts davon. Doch die Folgen können zum puren Horror für jeden Fußballanhänger werden: Stadionverbot – bis zu drei Jahre. "Ich habe volles Verständnis dafür, dass man Gewalttäter stellen will", sagt Wilko Zicht, "aber so weit darf die Prävention nicht gehen."

Polizei will Verlauf von Veranstaltungen sichern

Die Polizei sieht das anders. Die Datei "Gewalttäter Sport" versetze sie in die Lage "durch gezielte Maßnahmen gegen Einzelne zum sicheren Verlauf von Veranstaltungen beizutragen." Eingetragen werden Fans, die gefährliche Waffen tragen, die Feuerwerkskörper dabei haben oder die den öffentlichen Betrieb stören. Auch Beleidigung kann zu einem Eintrag führen.

Die Daten von mehr als 10.000 Sportfans sind bereits erfasst. Sicher nicht alles Unschuldslämmer, wie auch Fanorganisationen sagen. Allerdings reicht allein der vorbeugende Hinweis eines Beamten, um einen Eintrag zu erwirken. Hans-Jörg Sommerfeld von der Polizei in Duisburg – hier wird die Datenbank verwaltet – kann tatsächlich nicht ausschließen, dass auch Unschuldige oder sogar Opfer von Schlägereien in die Datei geraten können. Dennoch sei sie eine wichtige Informationsquelle: „Wenn einer zehn Mal in eine Schlägerei gerät, dann ist das ja wohl kein Zufall mehr und für die Polizei eine wichtige Information."

Fanverband fordert ordentliche Strafverfahren

Für Wilko Zicht überwiegen dennoch die Risiken. Er ist nicht nur Fan, sondern auch Sprecher für das "Bündnis aktiver Fußballfans" (B.A.F.F.). Wenn es nach ihm ginge, sollte die Polizei bei ihren Möglichkeiten bleiben und ordentliche Strafverfahren einleiten. "Bei jeder Kneipenschlägerei muss die Polizei sich die Mühe machen. Nur beim Fußball ist die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt. Der Eintrag in die Datei ist einfach nicht so aufwendig wie der ganze Papierkram."

Philipp Markhardt von der Initiative "PROFANS" meint, es sei das Mindeste, Leute darüber zu informieren, dass sie in der Datei stehen und warum. "Im Grunde genommen müsste die Datei 'Gewalttäter Sport' aufgelöst werden."

Auch der Fanbeauftragte des HSV, Mike Lorenz, sieht die Datei "Gewalttäter Sport" kritisch: "Nur weil jemand in der Datei steht, heißt das noch lange nicht, dass er tatsächlich ein Gewalttäter ist." Als Bayern München zum Beispiel in der vergangenen Rückrunde gegen den HSV gespielt hat, gab es eine heftige Rangelei. Am Ende habe die Polizei dem HSV empfohlen, 30 Beteiligten Stadionverbot zu erteilen. Nach eingehender Prüfung wurde jedoch nur die Hälfte verbannt. In den Gesprächen habe sich herausgestellt, dass 15 angezeigte Fans dann doch nur "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen seien.

Erfolgreiche Klage gegen Eintrag in Datei

Inzwischen hat ein Anhänger von Hannover 96 mit einer Klage erreicht, dass sein Eintrag aus der Datei "Gewalttäter Sport" gelöscht wurde. Bei der Gelegenheit hatten sowohl das Verwaltungsgericht Hannover als auch das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg die Datei aus formalen Gründen für rechtswidrig erklärt. Nun wird das Bundesverwaltungsgericht entscheiden müssen, ob die Datei "Gewalttäter Sport" in ihrer jetzigen Form beibehalten werden kann. Bis diese Entscheidung fällt, knnen allerdings noch Monate vergehen.

Stadionverbot eint

Mit Formalitäten dürften sich allerdings nur die wenigsten Fußballfans aufhalten. Sie wollen ihre Mannschaft unterstützen. Und das kann kuriose Züge annehmen: Fanbetreuer Lorenz beobachtet, dass auch Fans mit Stadionverbot zu Auswärtsspielen fahren, um dann in der Kneipe nebenan das Spiel im Fernsehen zu sehen. Und manchmal treffen sich dort sogar Fans mit Stadionverbot aus gegnerischen Vereinen und sehen sich das Spiel zusammenan.
http://www.tagesschau.de/inlan…..ll348.html

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