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Nürnberg:Ultras in Unterhosen,Fußballfans lauern sich auf

BenutzerBeitrag

08:41
28. Oktober 2009


admin

Admin

Beiträge 6348

Pöbeleien, Prügel und Randale: Unter Fußballfans wächst die Gewaltbereitschaft. Fans rivalisierender Mannschaften lauern einander auf. Auch die Polizei wird zunehmend zur Zielscheibe von Aggressionen. Der Freistaat spart derweil bei den Fanprojekten.

Die Auswärtspartie endete alles in allem unerfreulich. Mit einem Unentschieden und einem Riesentheater am Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Polizei komplimentierte Hunderte Club-Fans, die zu den «Ultras« gehörten, in einen Sonderzug. Manche fühlten sich angesichts des massiven Aufgebots provoziert. Die Stimmung habe sich aufgeschaukelt, erzählt ein Zeuge. Flaschen flogen, Scheiben gingen zu Bruch. Chaoten zogen die Notbremse.

Ein banaler Auslöser genügt, schon geht es zur Sache. Die gesamtgesellschaftliche Tendenz, dass die Schwelle zur Gewalt sinkt, spiegelt sich auch im Sport wider. «Besonders im Fußball und hier vor allem auf regionaler Ebene steigt das Gewaltpotenzial enorm«, beklagt die Gewerkschaft der Polizei in Bayern. Fußballfans, denen es weniger um die Spiele als um Krawall und Kräftemessen mit den Fans gegnerischer Mannschaften geht, sind ein «echtes polizeiliches Problem«, ergänzt Kurt Benisch. Der Chef der Polizeiinspektion Süd, selbst ein bekennender Fußballfan, leitet die Einsätze bei den Spielen im Frankenstadion.

Verbot fürs Stadion

Rund 50 «Ultras« müssen mittlerweile draußen bleiben. Sie haben Stadionverbot, weil sie pöbelten, schlägerten oder andere gefährdeten, indem sie Böller und Raketen zündeten. Zur harten Hooligan-Fraktion, zu den sogenannten C-Fans, zählt die Nürnberger Polizei etwa 20 «Ultras«. Die Zahl derer, die gezielt die Konfrontation suchen, wachse, fährt Benisch fort. Schauplätze der Auseinandersetzungen sind weniger die Stadien selbst als deren Umgebung und die Anreisewege. Die Polizei spricht von Drittort-Auseinandersetzungen.

So werden Fans rivalisierender Teams an Rasthöfen regelrecht überfallen. Vor einigen Wochen wurde ein Bus mit «Schickeria«-Fans des FC Bayern München an der Raststätte in Feucht angegriffen. Die Angreifer hätten sich an den Bus gehängt, die Windschutzscheibe mit einer Eisenkugel eingeschlagen und den Bus mit Leuchtraketen beschossen, so der Chef des Busunternehmens. Nach Angaben des Busfahrers hätten die Bayern-Fans versichert, bei den Angreifern habe es sich um Fans des 1. FC Nürnberg gehandelt.

Angreifer zogen Club-Fans aus

Umgekehrt wurden junge Club-Fans, die die Kluft der «Ultras« trugen, an einem Bahnhof in der Region von Münchner Fans überfallen und auf sehr spezielle Weise gedemütigt. Die Angreifer zogen die «Clubberer« bis auf die Unterhosen aus. Die Münchner hätten sogar die Schuhe mitgenommen, sagt Heino Hassler vom Nürnberger Fanprojekt. Schon etwas länger liegt eine Massenschlägerei im Wald am Frankenstadion zurück, bei der Nürnberger und Mannheimer Fans aufeinander losgingen.

«Wenn es eine Möglichkeit gibt, den gegnerischen Fan-Gruppen zu zeigen, wer der Stärkere ist, wird die genutzt«, fährt der Leitende Polizeidirektor Benisch fort. «Sie wollen ihr Terrain verteidigen.« Weil das ganz leicht böse enden kann, binden Fußballspiele jede Menge Personal. «Fast die Hälfte der 127 länderübergreifenden Polizeieinsätze im vergangenen Jahr war notwendig geworden, weil bei Fußballbegegnungen mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zu rechnen war«, sagt Konrad Freiberger, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

«Es gibt eine höhere Bereitschaft zur Gewalt«

Von Verhältnissen wie in Berlin oder Dresden, wo auf 1500 Zuschauer 1000 Polizisten kommen, ist Nürnberg weit entfernt. Der Zahl der Kräfte, die an manchen Wochenenden im Einsatz sind, ist dennoch nicht ohne. Die Bundespolizei, die für die Sicherheit an Bahnhöfen und Zügen zuständig ist, ist zeitweise bis zum Anschlag belastet. In den Zügen geht es ordentlich zur Sache. Glas geht zu Bruch, Fenster und Sitze werden demoliert, Polizisten werden mit Flaschen beworfen. «Es gibt eine höhere Bereitschaft zur Gewalt«, beobachtet Rainer Schlemmer, Sprecher der Nürnberger Bundespolizeiinspektion. Die Aggressionen entladen sich ungehemmt. Vor ein paar Wochen haben «Schickeria«- Fans aus München am Würzburger Hauptbahnhof drei Bundespolizisten schwer verletzt. Sie erlitten Prellungen und Rippenbrüche.

Die Gewaltbereitschaft wächst mit jedem Schluck Alkohol. Deshalb gibt es Überlegungen bei der Bahn, den Fans zu verbieten, Glasflaschen und Alkohol mit in den Zug zu nehmen. «Es gibt aber noch kein Ergebnis«, meint eine Sprecherin der Deutschen Bahn auf Anfrage.
Es existieren diverse Vorschläge, um das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen. Doch mit der Umsetzung ist das so eine Sache. Ein Vorschlag ist: Wer betrunken zum Stadion kommt, wird gar nicht erst hineingelassen. «Das müsste bundesweit praktiziert werden«, findet Benisch. Doch davon sind die Fußballvereine weit entfernt. Sie wollen es sich mit ihren Fans nicht verderben.

Fanbetreuung bei Auswärtsspielen ist ausbaufähig

Manche Vereine seien beratungsresistent, kritisieren Insider. Dass die Zusammenarbeit zwischen Sportfunktionären und Polizei alles andere als rund läuft, wurde auch beim GdP-Symposium zum Thema «Fußball und Gewalt« in Berlin deutlich. Theo Zwanziger, DFB-Präsident, tauchte dort trotz Einladung gar nicht erst auf. Ein Affront aus Sicht der GdP.
«Der Deutsche Fußballbund und die Vereine müssen sehen, dass die Verantwortung nicht am Stadion aufhört«, fährt Benisch fort. Das Verhältnis zum 1.FCN beschreibt er im selben Atemzug als ziemlich gut. Die Fanbetreuung bei Auswärtsspielen hält er jedoch für ausbaufähig. «Wenn 3000 bis 5000 Fans unterwegs sind, kann sich die Betreuung nicht in der Präsenz von drei Leuten erschöpfen.«

Einer, der immer mit auf Tour geht, ist Heino Hassler vom vereinsunabhängigen Nürnberger Fanprojekt, das die problematischen Fußballanhänger im Auge hat und Gewalt verhindern will. Hassler, der selbst aus der Szene stammt, hält es wie Benisch für «sinnvoll, bei der Begleitung der Auswärtsspiele mehr zu machen«. Doch das Fanprojekt selbst kann das nicht leisten. «Die finanziellen Mittel sind dürftig. Wir teilen uns zu zweit eine Stelle. Das ist ein Witz«, poltert er.

Die «Ultras« schweigen

Die bayerischen Fanprojekte werden zu je einem Drittel vom DFB, dem Freistaat und den Kommunen finanziert. Doch statt mehr Geld zu investieren, spart der Freistaat bei der Fanarbeit, was nicht zuletzt die GdP und ihr Landesvorsitzender Harald Schneider (SPD) kritisieren. Die Folge: Aufgrund der Drittelfinanzierung rückt auch der Deutsche Fußballbund die in Aussicht gestellte maximale Fördersumme nicht heraus. Dem Nürnberger Fanprojekt entgehen so laut Hassler pro Saison über 30000 Euro.

Ohne das Fanprojekt hätte die Polizei noch weniger Zugang zu den problematischen Fans aus der
«Ultra«-Szene als ohnehin schon. «Die ,Ultras‘ verweigern sich jeder Kommunikation«, kritisiert Einsatzleiter Benisch. Die Polizei muss über Hassler, den Mittelsmann, Kontakt zu den «Ultras« aufnehmen. Benisch: «Diese Sprachlosigkeit macht es uns schwer.«
Auch auf Interview-Anfragen unserer Zeitung reagierten die «Ultras« mit Schweigen.

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