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POLIZEI-PRÜGEL FÜR FUSSBALL-FANS

BenutzerBeitrag

09:28
17. Juli 2009


admin

Admin

Beiträge 6348

Fans klagen an: Häufig kommt es beim Fußball zu überzogenen Polizeieinsätzen. In Düsseldorf kesselten Beamte stundenlang Gäste einer Fankneipe ein, in Emden kam es zu Schlagstockeinsätzen wegen eines ausgestreckten Mittelfingers. SPIEGEL ONLINE hat einige Fälle dokumentiert.

Fußballfans und Kneipentresen – das passt doch nirgendwo besser zusammen als in Düsseldorf, der Stadt mit der sprichwörtlich längsten Theke der Welt. Im April dieses Jahres wurde aber selbst den Düsseldorfer Fußballfans ein Kneipenaufenthalt zu lang. Stundenlang saßen sie in der Fankneipe “Kastanie” fest. Die Polizei hatte vor dem Drittliga-Spiel gegen Union Berlin bereits am Vormittag rund 250 Düsseldorfer Anhänger in der Gaststätte eingekesselt, 80 Personen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Die übrigen Besucher wurden bis weit nach Ende des Spiels festgesetzt. Die Polizei nannte “konkrete Hinweise auf beabsichtigte Auseinandersetzungen Düsseldorfer und Berliner Hooligans an Drittorten” als Begründung für diese Maßnahme und berief sich auf eine richterliche Anordnung.

Das Fanprojekt beklagte den gut sechsstündigen Einsatz als überzogen, auch der Verein zeigte sich entsetzt über die Aktion. Die Polizei hat mittlerweile reagiert und den verantwortlichen Einsatzleiter ausgetauscht. In Hamburg hatte ein ähnlicher Vorfall am ersten Juliwochenende zu Zerwürfnissen zwischen Anhängern des FC St. Pauli und der Polizei geführt.

Konsequenzen wie die Umbesetzung bei der Düsseldorfer Polizei sind eher selten, so Matthias Stein. Der Leiter des Jenaer Fanprojekts machte im Februar dieses Jahres selbst unfreiwillige Bekanntschaft mit einem Polizeiknüppel. Beim Drittliga-Auswärtsspiel des FC Carl-Zeiss Jena in Emden zeigte einer der Gästefans den Polizisten den ausgestreckten Mittelfinger.

Obwohl sich Stein gerade um eine friedliche Lösung in Absprache mit szenekundigen Beamten befand, stürmte eine Polizeieinheit nach dem Spiel in eine Fangruppe, um diesen Jugendlichen zu stellen (siehe Video). Dabei wurden laut Stein auch “ein Präsidiumsmitglied sowie weitere Unbeteiligte geschlagen.” Stein kann dieses Vorgehen nicht nachvollziehen: “Das hätte man im Sinne aller Beteiligten friedlicher lösen können”, sagte Stein SPIEGEL ONLINE.

Im Anschluss an das Spiel gingen sieben Strafanzeigen ein, die Staatsanwaltschaft leitete ein “Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung im Amt gegen den namentlich bekannten Führer der Einsatzhundertschaft” ein. Bis heute ohne Ergebnis. Die Grünen und die Linkspartei stellten im März zudem eine kleine Anfrage an den niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann. “Die Augenzeugenberichte vermitteln den Eindruck, dass die Polizei überzogen reagiert hat”, lautete die Begründung der Linkspartei für ihren Antrag.

Schünemann bestätigte im niedersächsischen Landtag, dass der Polizeieinsatz dazu diente, den Zeiger des Stinkefingers dingfest zu machen. Da es aber bei der “Festnahme des Täters zur Feststellung seiner Personalien” aus dessen Umfeld zu Drohungen gegen die Polizeibeamten gekommen sein soll, “haben die Beamten nach entsprechender Androhung situationsbedingt auch unmittelbaren Zwang in Form körperlicher Gewalt angewandt.” Von den Drohungen ist auf dem Video eines Augenzeugen allerdings nichts zu sehen.

POLIZEIGEWALT GEGEN FUSSBALLFANS 2009*
21.02.2009 (3. Liga Emden – Jena)

In Emden stürmt eine Polizeieinheit eine Fangruppe, um einen Jugendlichen festzustellen, der einen “Stinkefinger” gezeigt hat. Zwischen Fans und Polizei stehende Personen, unter anderem Vereinsordner, ein Präsidiumsmitglied und der Fanprojektleiter, werden über den Haufen gerannt. Fans werden gestoßen und geschlagen.

11.03.2009 (5. Liga Lübeck II – Kiel II)
In Lübeck werden nach dem Spiel zweier Reservemannschaften die Gästefans, welche noch mit dem Abhängen ihrer Zaunfahnen beschäftigt sind, durch Polizei massiv aus dem Gästeblock gedrängt, auf Fans wird mit dem Schlagstock eingeschlagen, weibliche Fans werden an den Haaren gezogen. Im Zusammenhang mit einem Vorkommnis bei den am Abgang gehinderten Heimfans wird deren Bereich durch Polizei gestürmt und dabei auch völlig unbeteiligte Frauen, Kinder und Rentner geschlagen und gestoßen.

21.03.2009 (3. Liga Union – Jena)
In Berlin sollen beim Verlassen des Stadions die Personalien eines Gästefans im Schüleralter festgestellt werden, der angeblich einen Sitz beschädigt hat. Zufällig neben diesem Fan laufende Personen werden dabei zu Boden gestoßen. Obwohl der Gesuchte widerstandslos folgt, wird er mit dem Kopf vor ein Einsatzfahrzeug gestoßen. In der Folge entstehen Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei, bei denen insbesondere auch mehrere weibliche Fans an den Haaren gezogen und ins Gesicht geschlagen werden.

22.03.2009 (1. Liga Arminia – Wolfsburg)
In Bielefeld geht die Polizei gegen Gästefans vor, die eine rote Fußgängerampel missachten. Ein 16-jähriger, der nach einem Schlagstocktreffer zu Boden geht, wird noch am Boden liegend durch einen Polizeibeamten getreten und geschlagen und muss mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

29.03.2009 (4. Liga Türkiyemspor – Halle)
Am Berliner Jahnsportpark werden beim Abgang Gästefans attackiert, unter anderem da alle Fans zum Bahnhof eskortiert werden sollen, obwohl viele mit PKW angereist sind und zum Parkplatz wollen, jedoch nicht durchgelassen werden. Dabei wird auch gegen Unbeteiligte oder bereits am Boden liegende Fans gewaltsam vorgegangen, fünf Fans werden verletzt. Der Fanprojektleiter wird als “letzter Dreck” beleidigt.

05.04.2009 (3. Liga Paderborn – Union)
In Paderborn werden nach der Ankunft mit dem Sonderzug die Gästefans durch Polizeikräfte mit Pfefferspray und Schlagstöcken angegriffen, es kommt zu zahlreichen Verletzten. Auf dem Fußmarsch zum Stadion werden die in der ersten Reihe laufenden Gästefans erneut mit Schlagstöcken attackiert, unter anderem werden auch der Fanbeauftragte des Gastvereins und ein Szenekundiger Polizeibeamter verletzt.

10.04.2009 (4. Liga HSV II – Sachsen Leipzig)
In Hamburg werden aufgrund einer kleineren Rangelei von Gästefans mit einem Heimzuschauer Polizeihunde eingesetzt, vier verletzte Fans mit Bisswunden, einer davon schwer.

19.04.2009 (3. Liga Fortuna – Union)
In Düsseldorf werden vor dem Spiel zahlreiche Heimfans vor beziehungsweise in ihrer Kneipe eingekesselt und über mehrere Stunden festgehalten, in die Gaststättenräume wird Pfefferspray gesprüht. Auch im Stadionbereich kommt es zu Problemen. Von den polizeilichen Maßnahmen sind unter anderem auch der Sicherheitsbeauftragte und der Fanbeauftragte des Heimvereins betroffen.

*Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG)

In Düsseldorf werden vor dem Spiel zahlreiche Heimfans vor beziehungsweise in ihrer Kneipe eingekesselt und über mehrere Stunden festgehalten, in die Gaststättenräume wird Pfefferspray gesprüht. Auch im Stadionbereich kommt es zu Problemen. Von den polizeilichen Maßnahmen sind unter anderem auch der Sicherheitsbeauftragte und der Fanbeauftragte des Heimvereins betroffen.

Zahlreiche weitere Fälle sorgten in den vergangenen Monaten für Unmut in der Fanszene. Im November 2008 setzte die Bremer Polizei 234 Fans von Eintracht Frankfurt für drei Stunden in der Bremer Innenstadt fest, anschließend wurden die Anhänger mit Kabelbindern gefesselt und während des Spiels in Bremer Gefängnissen festgehalten.

Die knapp sieben Stunden Freiheitsentzug begründete der Bremer Einsatzleiter: “Aufgrund der Parolen, der mitgeführten Gegenstände und einer aggressiven Grundstimmung haben wir uns entschlossen, die Gruppe in Gewahrsam zu nehmen.” Denn, so heißt es im abschließenden Polizeibericht, “es hätte ohne Zweifel beim Aufeinandertreffen mit Bremer Fans eine körperliche Auseinandersetzung gegeben.”

Stephan von Ploetz, langjähriger Leiter des Frankfurter Fanprojekts, zweifelt an den seherischen Fähigkeiten der Bremer Polizei. Er kann die Aktion bis heute nicht nachvollziehen: “Das waren ganz normale Fans, es gab keinerlei Gewalt, nicht mal Pöbeleien”, so Ploetz zu SPIEGEL ONLINE. Mittlerweile haben alle 234 Festgehaltenen Anzeige wegen Nötigung und Freiheitsberaubung gestellt, die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen.

* 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Warum eine Tagung der Polizeigewerkschaft zum Thema Fußball und Gewalt ohne Fanvertreter stattfand und ein Berliner Einsatzleiter die Nerven verlor.

http://www.spiegel.de/sport/fu…..02,00.html

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