Fußball-Fans sind Verbrecher! Oder doch nicht? Heino Hassler vom Fan-Projekt in Nürnberg versucht sich an einer realistischen Einordnung.
Nach den jüngsten Vorkommnissen rund um das Hamburg-Spiel haben sich Fans über eine unsachliche Behandlung des Themas seitens der Öffentlichkeit beschwert.
Heino Hassler: Zu Recht.
Wir fangen trotzdem auch mal unsachlich an. Man hört ja zurzeit einige Parolen im Stadion: «Oenning raus«, gerne auch «Bader raus«.
Hassler: Zunächst einmal muss man feststellen, dass die grölenden Leute oder diejenigen, die dann vielleicht auch noch zum Vereinsgelände ziehen, einen sehr geringen Prozentsatz der Stadionbesucher ausmachen. Das ist ganz wichtig: Das sind nicht die Ultras oder die Masse Club-Fans. Man muss aber auch sagen, dass solche Aktionen leider in gewisser Weise Mode geworden sind. Dabei kann Gewalt keine Lösung sein.
Beängstigend ist doch, dass diese Aktionen nicht spontan wirken.
Hassler: Also, wenn in Stuttgart vor dem Spiel der Mannschaftsbus attackiert wird, dann ist das sicher organisiert. Das am Valznerweiher war eher eine spontane Aktion. Da waren Personen aus allen Bereichen dabei, nicht nur die Ultras. Von den 200 Personen, deren Personalien von der Polizei dann festgestellt wurden, waren nicht einmal 25 Prozent aktiv beteiligt.
Aktiv beteiligt an was?
Hassler: Eigentlich haben sie zwei Aschenbecher umgeschmissen.
Keine Morddrohungen?
Hassler: Völliger Quatsch.
Trotzdem: Wie kann denn so etwas Mode werden?
Hassler: Im Prinzip ist das ein Spiegelbild einer Gesellschaft, in der alles zum Event wird. In Deutschland, das kommt vielleicht hinzu, ohne das pauschalisieren zu wollen, hat das auch viel mit Neid zu tun. Man sieht, dass die Spieler Millionen verdienen, dann sollen die auch funktionieren und Blut schwitzen für 90 Minuten. Da soll der Mensch zur Maschine werden.
Um es noch einmal deutlich zu machen: Wenn wir über Geschehnisse wie am Valznerweiher sprechen, reden wir nicht nur von den Ultras?
Hassler: Auf keinen Fall. Aber natürlich waren da auch Ultras dabei, aber es waren nicht viele. Das waren eher Leute, die sich gedacht haben: «Jetzt reicht es mir, den Deppen zeig’ ich es.« In gewissen Medien wird das dann aufgebauscht.
Soll heißen, es gibt keine Gewalt und die Medien bauschen auf, weil es in den Redaktionen an Wissen fehlt?
Hassler: Natürlich gibt es auch Gewalt, aber ich glaube nicht, dass es am Wissen fehlt. Es ist aber schon bedauerlich, wenn Sendungen wie das Aktuelle Sportstudio, Vorfälle wie damals in Frankfurt (als im Club-Block eine Fackel gezündet und auf den Platz geworfen wurde/die Redaktion) nutzen, um maßlos zu übertreiben. Die Fackel wurde aus fünf Perspektiven gezeigt, dem Zuschauer wird so suggeriert, es seien fünf Fackeln gezündet worden.
Woche für Woche fahren Fans durch die Republik, singen ein bisschen, benehmen sich artig und werden von Polizei und Medien als Kriminelle hingestellt?
Hassler: So ist es natürlich auch nicht. Wie zu allen Zeiten ist bei einer Anzahl von 3000 bis 4000 Fans, die zu einem Auswärtsspiel fahren, ein kleiner Prozentsatz dabei, der Rabatz macht. Das wird auch so bleiben. Da können wir als Fanprojekte nur viel Überzeugungsarbeit leisten.
Stimmt der Eindruck, dass die Gruppe derjenigen, die zu Gewalt neigen, größer wird?
Hassler: Nein, es gibt nur mehr Stadionverbote. Und da muss man leider sagen, dass die Polizei zu selten differenziert, was aber vielleicht auch schwierig ist. Trotzdem: Es werden sehr häufig Unschuldige mit Stadionverboten belegt und das sorgt für Frust. Deshalb stehen wir von den Fanprojekten auch im ständigen Dialog mit DFB und Polizei.
Die Fanszene hatte auf die Klage eines Anhängers vor dem Bundesgerichtshof gesetzt, das Gericht aber bestätigte die bestehende Regelung.
Hassler: Der Fanrechtefonds hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, das geht vor das Verfassungsgericht.
Mit welcher Strategie der Fans?
Hassler: In erster Linie wird angeprangert, dass es keine Unschuldsvermutung gibt. Wenn ein Verfahren eingeleitet wird, ist man erst einmal draußen. Wenn das Verfahren dann vielleicht nach zwei Jahren verhandelt wird, war man bis dahin ausgesperrt ohne dass man schon verurteilt worden ist. Das ist schon grenzwertig.
Vor allem landet man auch in der Datei «Gewalttäter Sport«.
Hassler: Ja, da sind knapp 11.000 Menschen registriert. Eine absurde Zahl, so viele gewaltbereite Fußball-Fans gibt es nicht annähernd.
Grundsätzlich ist das Stadionverbot aber ein brauchbares Instrument?
Hassler: Aus der heutigen Sicht habe ich da sehr große Zweifel, weil sie so inflationär verhängt werden. Die Richtlinien sind ja nicht verkehrt, man darf sie aber dann halt nur dort anwenden, wo man tatsächlich Verstöße feststellen kann. Dann ist ein Stadionverbot auch in Ordnung, aber nicht, wenn da 100 Leute stehen, zehn machen etwas und alle sind dran.
Dass man dabei steht, lässt sich oft nicht verhindern.
Hassler: Eben, bei Auswärtsfahrten werden Fans ja fast immer schon am Bahnhof oder Parkplatz von der Polizei in Empfang genommen. Man ist also als Fan in der Fremde automatisch in einer Gruppe, wenn man nicht mit dem eigenen Auto anreist. Beim Spiel in Stuttgart sind die Fans am Bahnhof von einer Hundertschaft empfangen, eingekesselt zum Stadion gebracht worden und hinterher mussten die Ultras im Sonderzug sich in drei Waggons zwängen, obwohl der Rest des Zuges leer war. Da entsteht dann natürlich Frust. Man sollte den Ultras zugestehen, dass sie ihren Verein begleiten, weil sie ihn unterstützen wollen, nicht weil sie auf Randale aus sind. Da ist auch mal das Fingerspitzengefühl der Polizei gefragt. Es gibt Städte, zum Beispiel Hannover, in denen sich eine deeskalierende Strategie bewährt hat.
Also ist die Polizei schuld am Verhalten der Fußball-Fans?
Hassler: Das ist wohl übertrieben. Aber es gibt Städte in Deutschland, wo die Polizei durch ihr Auftreten und Verhalten schon sehr provokativ wirkt.
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